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Die Faszination die von jeher für mich von einer mir unbekannten Tonbandspule auf dem Flohmarkt oder einem auf der Strasse liegenden Stück Tonband ausgeht, hat sich bis heute noch nicht abgeschwächt. Ein Stück Voyeurismus an den dort verborgenen akustischen Schätzen oder Geheimnissen kann ich nicht verleugnen. Selbst die von mir selbst aufgenommenen Ereignisse werden von mir immer wieder neu entdeckt und bewundert. Jede neu gekaufte Tonbandspule bot mir immer wieder aufs neue das Versprechen, die Welt der Töne und der Sprache zu katalogisieren und endlich Ordnung oder zumindest Übersicht in die Vielfalt des Lebens zu bringen. Doch die guten Vorsätze weichen im Laufe des Verbrauchs des vollen Bandwickels immer mehr auf. Schon nach der Hälfte des Bandes stellt sich eine Mischung von ganz unterschiedlichen Arten von Hörerlebnissen ein, die sich bis zum Ende der Spule in einem Feuerwerk von Anarchie ausleben. Interessanterweise ist jetzt Jahre später gerade die letzte halbe Stunde eines Bandwickels für mich die spannenste. Als junger Mann habe ich immer die „Reste“ eines Bandes für Experimente und nur „zweitbeste“ Aufnahmen genutzt. Dieser Ort ist jetzt das Reservat meiner Phantasien, Experimente und Späße geworden und erschließt sich dem Forscher erst nach langem Spulen. Wie ordentlich, vernünftig, ja steril sind da unsere heutigen Möglichkeiten. Gleich fertig zusammengestellte und für die Ewigkeit fixierte Musik auf Compact Disc. Das Angebot ist so perfekt und allumfassend und ich selbst inzwischen so „wohlhabend“, dass für die Abende und Nächte an meinem Tonbandgerät, meinem Radio und Mikrophon kein wirtschaftlicher Grund mehr besteht und ich ja ohnehin keine Zeit mehr habe. Die bei Hans Werres im HR bei der Donnerstagshitparade gemachten Aufnahmen sind inzwischen nur dann historische Kostbarkeiten, wenn er mal wieder in den Hit hereingesprochen hat oder ich das Abschalten verpasst hatte. Damals habe ich mich darüber furchtbar geärgert, heute danke ich mir jeden Fehler. Die damals perfekten aufgezeichneten Aufnahmen gibt es heute in jedem Kaufhaus als Oldie-Sampler bis zum Überdruss und locken mich kaum noch hinter dem Fernseher hervor. Nach diesen Schätzen sucht auch ein Bekannter, der auf jedem Flohmarkt unterwegs ist, und alte Tonbänder aufkauft. Diese Bänder werden dann von ihm auf solche Spuren untersucht und es macht ihn überglücklich, eine Originalansage von „I am a walrus“ der Beatles auf Platz 1 aus den 60er Jahren oder gar Nachrichten von 1959 auf einem Band zu finden. Auch Blödeleien mit dem Mikrophon finden sich oft und der Brauch in den 50er und 60er Jahren Tonbandbriefe hin- und her zuschicken, haben ihm heute unschätzbare Zeitdokumente des Lebens des „kleinen Mannes“ beschert. Tonbandarchäologie nennt er das und dies trifft genau den Kern. Um
wieder zum Tonband und zum Tonbandgerät zurückzukommen; diese
Hilfsmittel haben Kreativität aus den Menschen herausgelockt. MiniDisc
und DAT-Band bieten ähnliche und sogar bessere Möglichkeiten, doch
passiert sind alle diese Zaubersachen nur mit dem guten alten Grundig TK
248, dem Uher-Report, der Revox A77 oder wie sie sonst noch alle geheißen
haben. Michael
Deschamps im Februar 2000 |